Wir freuen uns mit der Glashütte Lamberts: Am 17. Juli 2026 wurde das neue Giebelfenster der historischen Ofenhalle in Waldsassen feierlich eingeweiht. Es zeigt einen originalgetreu nachgebildeten Ausschnitt des weltbekannten, von Gerhard Richter entworfenen Südquerhausfensters im Kölner Dom. Damit kehrt ein Stück deutscher Glasmalereigeschichte an den Ort zurück, an dem das wunderbare Material – das mundgeblasene Echt-Antikglas – seinen Ursprung hat.
Unser Team ist stolz darauf, Teil dieser Geschichte zu sein. Wie bereits das monumentale Original in Köln wurde auch das neue Fenster von den Derix Glasstudios angefertigt.
Neues Giebelfenster für die historische Ofenhalle
Das Giebelfenster der historischen Ofenhalle – des Herzstücks der Glashütte Lamberts – war über Jahrzehnte verschlossen. Durch seine Wiederöffnung gewinnt das denkmalgeschützte Gebäude seine historische Gestalt zurück. An die Stelle einer einfachen Verglasung ist jedoch etwas Besonderes getreten: ein Ausschnitt des weltbekannten „Richter-Fensters“, des Südquerhausfensters im Kölner Dom.
Der Entwurf stammt von Gerhard Richter, einem der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Das neue Fenster für Waldsassen wurde bei uns in Taunusstein gefertigt – nach jener Technik, die unsere Werkstatt bereits bei der Herstellung des Kölner Originals maßgeblich entwickelt und umgesetzt hat.
So verbindet das neue Giebelfenster mehrere Orte und Geschichten miteinander: den Kölner Dom, unsere Werkstatt in Taunusstein und die Glashütte Lamberts in Waldsassen, in der das historische Buntglas entsteht.
Das „Richter-Fenster“ im Kölner Dom
Im Jahr 2002 wurde Gerhard Richter gefragt, ob er einen Entwurf für das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und seitdem einfach verglaste Südquerhausfenster des Kölner Doms anfertigen wolle. Richter sagte zu. Fünf Jahre später, im Jahr 2007, wurde das rund 113 Quadratmeter große Kunstwerk in den Hohen Dom zu Köln eingesetzt.
Das Fenster besteht aus circa 11.300 einzelnen Glasquadraten in 72 unterschiedlichen Farben. Auf der 22 Meter hohen und knapp 10 Meter breiten Fläche reihen sie sich in einer scheinbar zufälligen Ordnung aneinander.
Der abstrakte und farbstarke Entwurf war zunächst nicht unumstritten. Bekannt wurde insbesondere die Äußerung Kardinal Meisners, das Fenster würde „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“ passen.[1]
Heute gehört das „Richter-Fenster“ zu den bekanntesten und beliebtesten Kunstwerken des Kölner Doms. Seine Wirkung reicht weit über Köln hinaus. Zwar hatten bereits zuvor zeitgenössische Kunstschaffende Kirchenfenster gestaltet. Durch die internationale Bekanntheit Gerhard Richters und die herausragende Bedeutung des Kölner Doms erhielt die zeitgenössische Glasmalerei jedoch eine bis dahin kaum gekannte gesellschaftliche Sichtbarkeit.
Diese Aufmerksamkeit bereitete weiteren prominenten Künstlerfenstern den Weg. Auch das ART-Magazin griff die Entwicklung unter der Überschrift „Magisches Licht: Warum Künstler Kirchenfenster gestalten“ auf und veröffentlichte jüngst einen Überblick über bedeutende Werke der vergangenen Jahre.[2]
Das „Richter-Fenster“ rückte die Glasmalerei jedoch nicht nur stärker in den gesellschaftlichen und kunsthistorischen Diskurs, sondern setzte auch handwerklich und technisch neue Maßstäbe.
Pionierarbeit der Derix Glasstudios
Das Kölner „Richter-Fenster“ war das erste Glasfenster dieser Größenordnung, das in moderner Klebetechnik ausgeführt wurde. Die Grundlagen dieser Methode hatten wir in Taunusstein bereits in den 1990er-Jahren entwickelt und erprobt.
Das Fenster besteht vollständig aus Echt-Antikglas. Für jede der 72 Farben fertigte die Glashütte Lamberts im traditionellen Mundblasverfahren circa 60 × 90 Zentimeter große Glastafeln. Diese wurden sorgfältig verpackt und in unsere Werkstatt nach Taunusstein gebracht.
Dort schnitt unser Team die insgesamt 11.300 einzelnen Glasquadrate mithilfe von Schablonen von Hand aus den großen Tafeln heraus. Jedes einzelne Stück wurde an den Kanten entgratet und millimetergenau eingeschliffen. Anschließend wurden die Quadrate mit einem transparenten Zwei-Komponenten-Silikon vollflächig auf große Trägergläser geklebt.
Durch diese Technik können unterschiedliche Gläser unmittelbar nebeneinander angeordnet werden. Anders als bei einer traditionellen Bleiverglasung müssen sie nicht durch deutlich sichtbare Bleiruten miteinander verbunden werden.
Die Verwendung eines industriellen Zwei-Komponenten-Silikons war zu dieser Zeit eine wegweisende Neuerung. Zuvor hatte es bereits Versuche mit Klebstoffen wie Epoxidharzen gegeben. Diese Materialien waren jedoch weder ausreichend hitze- noch UV-beständig. Das verwendete Silikon erfüllte dagegen die hohen Anforderungen an Sicherheit, Stabilität und Langlebigkeit.
Für das Kölner „Richter-Fenster“ wurde die Technik wissenschaftlich geprüft und durch ein Gutachten bestätigt. Damit fand sie Eingang in den Kanon der modernen Glasveredelungstechniken. Heute wird das Verfahren bei unterschiedlichsten Projekten eingesetzt und von zahlreichen Kunstglasereien angewendet.
Wir sind stolz darauf, mit dieser Entwicklungsarbeit einen wichtigen Beitrag zur modernen Glasmalerei geleistet zu haben.[3]
Von Köln zurück nach Waldsassen
Auch das neue Giebelfenster für die Glashütte Lamberts haben wir in unserer Werkstatt in Taunusstein nach dieser Technik gefertigt. Für unser Team war die Arbeit daran weit mehr als ein weiterer Auftrag: Sie rief Erinnerungen an das prägende Projekt im Kölner Dom wach.
Während der Fertigung wurden viele Geschichten aus der damaligen Zeit weitergegeben. Besonders schön war es, unseren jüngeren Mitarbeitenden von den Herausforderungen, Erfahrungen und besonderen Momenten rund um die Entstehung des „Richter-Fensters“ erzählen zu können. Auf diese Weise wurde nicht nur eine handwerkliche Technik vermittelt, sondern auch ein wichtiger Teil unserer Werkstattgeschichte an die nächste Generation weitergegeben.
Das neue Fenster in Waldsassen ist deshalb weit mehr als ein farbiger Blickfang. Es erzählt von der Geschichte der Glashütte Lamberts, von der technischen Entwicklung der Glasmalerei und von der Pionierarbeit unserer Werkstatt.
Zugleich verweist es auf die neue gesellschaftliche Bedeutung, die die Glasmalerei durch Künstlerfenster und das Engagement renommierter Gegenwartskünstler wie Gerhard Richter gewonnen hat.
Mit der Einweihung des Giebelfensters ist ein Ausschnitt des „Richter-Fensters“ nun an den Ursprungsort seines Materials zurückgekehrt – gefertigt von denselben Partnern, deren Zusammenarbeit bereits das berühmte Original im Kölner Dom möglich gemacht hat.
[1] Ott, Andreas (2017), Als Kardinal Meisner einen Wutausbruch bekam, in: Katholisch.de (21.8.2017), URL: https://katholisch.de/artikel/14454-als-kardinal-meisner-einen-wutausbruch-bekam (letztes Abrufdatum: 28.7.26, 15:56 Uhr).
[2] Kohler, Michael, Das Licht der Welt, in: art. Das Kunstmagazin 12(2020), S.40—50.
[3] Mehr Informationen zu der Entwicklung moderner Glasbearbeitungsstechniken in den Derix Glasstudios nachzulesen bei: Anna Rothfuss/Ursula Rothfuss, Neue Handwerkliche Techniken in der Glasmalerei nach 1945. Aus der Perspektive einer Glaswerkstatt, in: das Münster 1 (2022), S. 21–28.
